WG-LEBEN

Die Zweck-WG im Vergleich:

Nach einem Wochenende bei Freunden kehre ich in mein Wohnheim zurück. Mit dem klapprigen Fahrstuhl fahre ich in die achte, die oberste Etage. Ich gehe den Gang entlang und stecke meinen Schlüssel in das Schloss der allerletzten Tür. Ich schließe auf und die Tür öffnet sich ganze 15 cm. Der Flur meiner 2er WG steht voller Kartons und es drängen sich zu viele Menschen in die winzigen Räumlichkeiten. Als ich mir einen Weg in die Wohnung gebahnt habe, erkenne ich, dass es eigentlich nur 3 Umzugshelfer sind. Ich schiebe mich zu meiner Zimmertür, auch die muss ich aufschließen, und lasse mich ins Bett fallen. Meine Mitbewohnerin zieht aus – endlich!

Das war das Ende meiner ersten und schlimmsten Zweck-WG. Das ist jetzt 4 Jahre her und den Namen meiner ersten Mitbewohnerin habe ich vergessen. Ich habe sie in den ca. 9 Monaten höchstens 10 mal gesehen und vielleicht 5 Mal gesprochen. Sie wohnte bevor ich kam schon 8 Jahre in dieser winzigen Wohnung. Sie hatte alles mit unschönen Postern, Plastik-Spinnen und Glitzersteinen beklebt. Ich fühlte mich nie wohl. Das Bad hatte sie zugerümpelt und auch alle Küchenschränke hatte sie eingenommen. Ich lagerte alles was nicht in den Kühlschrank gehörte, in meinem Zimmer. Wir lebten aneinander vorbei, lauschten wann das Bad frei war und schlossen unsere Zimmertüren ab. Alles was ich von ihr wusste, war, dass sie einen Hamster hatte. Und dann war sie nach einem langen lauten Sonntag einfach weg. Sie hinterließ mir ihre schmuddeligen Teppiche, ihre Glitzersteine, Poster & Spinnen. Ich habe 3 Tage gewartet und dann alles entsorgt. Trotzdem wurde es nie zu meiner Wohnung, ein Gefühl von zu Hause konnte dort nicht entstehen. So zog ich 3 Monate später selbst aus. In eine WG mit Freunden.

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Diese neue 3er WG ließ mich den Alltag neu entdecken. Man kennt sich, man mag sich und man redet miteinander. Man kocht zusammen, geht zusammen aus, sieht zusammen fern, geht zusammen einkaufen und putzt zusammen. Oder spricht sich zumindest gut ab und teilt die Dinge ein. Das war eine wirkliche Wohn-Gemeinschaft, das war ein Zusammenleben! Der Horror im Wohnheim war schnell vergessen und ich gewöhnte mich rasend schnell an unsere kleine gemütliche Altbau-Wohnung. Nichts habe ich an der alten Zweck-WG vermisst. Hier hat man aufeinander geachtet, es war immer jemand da und ich habe mich irre wohlgefühlt. Es war wie in einer anderen Welt. In diesen 2 Jahren sind vermutlich auch unschöne Situationen entstanden und es gab Unzufriedenheit und Auseinandersetzung wie das wohl in jedem Wohnverhältnis der Fall ist, aber ehrlich gesagt kann ich mich an nichts dergleichen erinnern. Alles was ich noch weiß: es war super!

Dann habe ich die Stadt gewechselt und von 3er wieder auf 2er WG. Aber ohne Zweck sondern mit Partner. Diese Beziehungskiste war nochmal was Neues. Nochmal anders schön. Noch vertrauter, noch besser abgesprochen, noch weniger Kompromisse. Zumindest im Zusammenleben, die Beziehung lasse ich hier außen vor. Allerdings zu klein, zu wenig Abwechslung und zu viel Langeweile. In einer 2er WG passiert zu wenig. Vielleicht ist das in der Pärchen-Konstellation noch gravierender, weil man es dem anderen gern Recht macht, viele gleiche Freunde und Interessen hat und ein bisschen faul und gemütlich zusammen ist. Also war diese Erfahrung grundsätzlich schön, aber noch zu früh für so viel Zweisamkeit.

Also zogen wir zusammen wieder in eine WG mit einer Freundin. Wieder 3er WG plus 3er WG obendrüber. Also stets die Möglichkeit für 6 Personen Aktivitäten! Das war der Hit. Viele verschiedene Menschen, Aktivitäten und Ideen. Zusammen grillen, zusammen Tatort schauen, zusammen tanzen gehen. Da war wirklich immer jemand da und man konnte trotzdem seine Ruhe haben. Also auch hier wieder: mit Freunden wohnen ist der Knaller!

img-20160928-wa00022Diese wunderbare Wohnsituation habe ich nun für eine Auslandserfahrung aufgegeben und bin wieder in einer Zweck-WG gelandet. Nicht so schlimm wie die erste, aber dennoch hoffentlich die Letzte. Ich wohne mit einer Finnin, einer Französin und einem Inder in einer ziemlich großen WG in einer ziemlich super Lage. Also die Wohnung ist schon mal perfekt. Mein Zimmer ist ausreichend groß und die Menschen sind auch nett. Außerdem ist multikulturelles Leben ja auch interessant und amüsant. Aber manchmal auch arg nervig! Jeder denkt, der andere ist dafür verantwortlich, alle lassen alles liegen, ja sogar gefühlte 100 Haare in der Duschkabine und niemand räumt sein Geschirr in die Spülmaschine. JA es gibt eine Spülmaschine – außer mir weiß das aber keiner zu schätzen. Es gibt einfach so Kleinigkeiten, wo ich mich echt frage, ob ich zu deutsch oder zu spießig oder zu intolerant bin. Aber wenn 3 Leute eine Party schmeißen wollen und davor und danach eigentlich nur einer putzt, dann könnt ihr euch denken, was ich falsch mache. Und ja, ich habe das angesprochen, dann stellte sich heraus, dass die Mädels keine Spülmaschine bedienen können und 5 Tage später war diese kaputt. Naja wie auch immer, es lässt sich leben, schließlich geht man nicht ganz aneinander vorbei. Sauberkeit ist ja auch nur ein einzelner Punkt von einem intakten Zusammenleben. Leider sind auch die Tagesabläufe aufgrund verschiedener Tätigkeiten ziemlich unterschiedlich, die Interessen sowieso und auch sonst passt es zwischenmenschlich nicht so ganz. Aber auf begrenzte Zeit genieße ich einfach die Erfahrung, den Balkon, die Spülmaschine, die 2 Regenduschen und mein eigenes sauberes Zimmer. Man kann ja nicht nur meckern!

Fazit: Ich mag meine Freunde sehr und von Zweck-WGs halte ich nicht so viel. Aber man lernt aus jedem Wohnen fürs nächste dazu und so bin ich gewappnet für alles, was noch folgt!

Ich würde mich freuen, wenn ihr auch ein paar Wohn- & WG-Erfahrungen mit mir teilt.

ahoi-katharina

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